Entrümpel dein Leben für Freiheit

1# Stunde Null

Mein Ausstieg war kein in Ruhe getroffener Entschluss. Hätte ich nur auf meine Vernunft gehört, hätte es keinen gegeben. »Das kannst Du Dir jetzt nicht leisten! Du lebst auf Kredit.« »Deine Wohnung hast Du letztes Jahr eingerichtet. Konzentriere Dich auf Deinen Abschluss! Das ist wichtiger.« oder »Die anderen machen es nicht anders. Warum sollte es gerade Dir gelingen?« Sicher, ich habe oft darüber nachgedacht. Es gewünscht und wieder verworfen. Es brauchte eine wesentlich radikalere Komponente.


Ich hatte mein Leben bereits um 180° gedreht: Unglückliche Beziehungen beendet, eine eigene Wohnung mit Atelier auf 25m² eingerichtet, meine Traumata aufgearbeitet, gelernt auf mich zu achten und gut zu mir zu sein. Und endlich kam ich auch wieder in einen erfolgreichen kreativen Schaffensprozess. Ich hatte meinen Weg gefunden. Endlich!

 
Von meinen Eltern hatte ich meine Lieblingsbettwäsche aus Kindertagen ergattert und mit nach Hamburg genommen. Im Grunde war es deren Bettwäsche: Zarte blaue Blumen auf sehr alter und weicher Baumwolle. Dezent, nicht verspielt, voller Bedeutsamkeit und wie ich fand sehr erwachsen. Und das wollte ich nun auch sein – Erwachsen! Und dann, beim sommer-sonntäglichen Chillen waren sie plötzlich da. Erinnerungen, die man nicht haben will und die sich nicht verdrängen ließen. Getriggert von einer Bettwäsche. Schockstarre! Entsetzen. Unfassbare Ohnmacht. Mein Bett plötzlich eine Falle. Ich musste etwas tun raus aus der Starre, um nicht kaputt zu gehen. Und da ich Vergangenes nicht ändern kann, schmiss ich die Vergangenheit aus meiner Wohnung: Denkmäler bevormundender Menschen aus engstem Kreise, die es gut meinen, aber im Grunde nur sich selbst. Mein Konfirmationskreuz. Überflüssiges. Ungeliebtes. Unbefriedigendes. Erinnerungen verflossener Lieben. Fotos. Kleidungsstücke. Mein Shower-Flower. Frottee-Handtücher! Unvollendete oder nie begonnene Projekte, mein schlechtes Gewissen, mein Portfolio. Blockweise leeres Papier. Zwei Kisten geschenkter gebrannter CDs und Kartons, Kartons, Kartons… Mit jedem Gang zur Tonne konnte ich besser atmen, mich selber stärker spüren. Schnell waren drei Mülltonnen gefüllt. Als der Hausmeister mich ermahnte, dass Pfingsten ist und ich zum Wohle aller Mieter nicht alles belegen darf, musste ich im Keller zwischenlagern. Drei Tage dauerte meine Aktion und es sollten noch drei weitere Wellen folgen. Es hatte etwas Wildes. Ich fühlte mich erstmals wieder so lebendig wie als Kind. Geschenk, geh und schenk mir mich selbst zurück! Meine Liebe, mein Vertrauen, meine Freiheit, meine Frechheit, mein Lachen. In dem Moment konnte ich das Prädikat Künstler zum ersten Mal für mich annehmen. Mir wurde klar, dass ich vor der Zukunft keine Angst haben muss, da ich es bis hier hin auch aus eigener Kraft geschafft hatte. Und wenige Tage später hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben keine Regelschmerzen.


Vernünftig wäre es gewesen, den Kram zu verkaufen. Oder ihn wenigstens an die Straße zu stellen zur weiteren Benutzung durch Unbekannte. Doch mein Denken war durchbrochen und das Glücksgefühl, welches jeder Gang zur Tonne mit sich brachte, unglaublich. Atmen. Atmen!


Ich betrachtete Dinge nun anders. Und begriff, dass ich auch Ohne kann. Es war wichtig, Raum für etwas Neues im Leben zu schaffen und plötzlich surrte der Kopf vor Modeentwürfen und Ideen. Ich kann Euch nur ermutigen, den manifestierten Schmerz in den eigenen vier Wänden einfach über Bord zu werfen. Mit fokussiertem Blick in die Tonne kam dann bye the way der Entschluss, es nun ganz ohne Plastik zu versuchen. Woran ich im Beruf arbeite, muss auch im Alltag gelebt werden. Manchmal bedarf es einer Schieflage, um das zu tun, was man eigentlich will.

 
Als Modedesignerin beschäftige ich mich viel mit Materie und finde es schade, dass ihr heute kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird. Qualität, Handwerk und die gewidmete Zeit geben den Dingen ihren Mehrwert. Und Gutes zu erschaffen braucht Aufmerksamkeit. Intuitiv können wir Qualität von Billigware unterscheiden. Die Regel »Du bist, was Du isst!« trifft meiner Meinung nach auf unseren gesamten Konsum zu. Mit unserem Konsum gestalten wir die Welt und wir messen uns selbst einen Wert bei.


Lasst uns wieder mehr wert sein! Wenn wir's nicht für uns tun, tun wir's wenigstens für die Anderen! Bionier sein erfordert ein bisschen Verrücktheit!

19/05/2017