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167# Behind Fashion

 

Als ich Veganer wurde, war ich überwältigt von den Schubladen, in die man mich allerorts steckte. Viele klammerten mich aus. Andere hießen mich herzlich Willkommen bei den “Erwachten“. Auf meine Aussage: »Ich lebe jetzt vegan.«, folgte betretenes Schweigen, Ratlosigkeit und nach längerer Pause ein: »Ich könnte das nicht!«. Andere gaben mir direkt und sehr emotional Konter: »Veganer sind intolerant. Veganer haben keinen Spaß… « Ich war verwirrt. Ich hab das doch nur gesagt. So wie: »Heute war ICH beim Sport.«, und fand mich plötzlich in einer Diskussion wieder, die keiner gewinnen konnte.


Als ich den Werdegang von Plastikfrei in 100 Tagen im November 2017 auf der Veganfach Messe in Köln vorstellte, und erzählte wie ich durch plastikfreie Ernährung unverhofft zum Veganer wurde, durfte ich mir am Ende von einer Langzeit-Veganerin etwas anhören. Ich hatte eine Wiener in meiner Präsentation. »Ja, aber ihr habt doch alle mal Fleisch gegessen.« »Ja. Aber wir wollen das nicht sehen!«


Und ich muss Euch heute sagen, egal welche Schublade ihr für mich ausgesucht habt, und ich bin mir sicher, ihr habt Sie mit Bedacht gewählt, ich passe in keine rein! Und ich will es auch nicht.

Als Existenzgründer – schreckliches Wort – 


     Startup – nichtsagend –


          Jungdesigner – klingt wie Jungvogel, aber schon besser


               Überlebenskünstler – sieht der Alltag ja ganz anders aus, als der von 


Angestellten, Beerbten etc. 24/7 statt freies Wochenende und Urlaubsanspruch. Tagelohn statt Rücklagen bei der Bank.

Mein Label Humanity ist radikal. Nicht nur 100% vegan. Sondern auch plastikfrei. Ausnahme bilden Elektrogeräte, das Klebeband mancher Lieferanten (nicht meins!), Kunststoffteile in Mustersendungen, denn die meisten nehmen es anfangs nicht so genau.  Und neuerdings Silikonhandschuhe für das Umsetzen der Kompostfärbung, für die ich noch keinen Ersatz gefunden habe. Das war’s. 


Die Entwürfe sind Zerowaste. Altes wird allmählich neu aufgelegt. Die Schnittentwicklung erfolgt digital. Das spart Unmengen an Schnittpapier. Und je nach Entwurf 5 – 25% Stoff im Vergleich zu konventioneller Mode. 


So setzt Humanity Cradle to Cradle um. In der Produktion wie im Produkt. Und bricht dieses Konzept noch einmal runter, indem ich mich auf Materialien beschränke, die tatsächlich recycelbar und/oder biologisch abbaubar bzw. kompostierbar sind. Daher kam der Plastikverzicht und Plastikfrei in 100 Tagen überhaupt ins Rollen. Und Humanity ist nahezu müllfrei. Auskunft darüber liefert ab jetzt der Report über die Produktion


Humanity verwendet ausschließlich 100% Recyclingpapier. Geputzt wird plastikfrei, vegan und hauptsächlich mit Lebensmitteln. Genäht mit Ökostrom. Ich hab ein Konto bei der GLS Bank, und finanziere damit keine Rüstungsindustrie etc. sondern nachhaltige Projekte.


Humanity vertreibt ausschließlich Produkte Made in Germany oder EU und gewährleistet so faire Preise und Löhne. Handmade with Love in Hamburg. Natürlich Bio nach höchsten ökologischen Standards. 


Und obendrein schreib ich diesen Blog und kooperiere mit anderen Unternehmen für eine bessere Welt.


In meinem Beruf bin ich radikal. In meinem Beruf werde ich radikaler, was ihr noch sehen werdet;) Humanity vereint die gängigen Nachhaltigkeitskonzepte in einem Produkt. Und leistet Pionierarbeit. 


Humanity ist vegan, und wird es immer bleiben. Vegane Mode heißt für mich auch der Verzicht auf Wolle, Seide und Bienenwachs, tierischen Appreturen und Extrakten. Plastikfrei heißt für mich auch der Verzicht auf Gummi, Naturkautschuk, Silikon, Elasthan, da alles weder recycelbar noch biologisch abbaubar ist. Cradle to Cradle schließt schlecht verklebtes Kork aus. Oder eine recycelbare Metallniete in kompostierbarem Baumwollstoff. Keine Reißverschlüsse, keine Metallknöpfe, keine Haken und Ösen. Wegen der Abbaubarkeit verzichte ich auf herkömmliche Färbungen mit Bleiche, Tensiden, chemischen Hilfsmitteln und, und, und. 


Ich habe die Kompostfärbung entwickelt. Eine chemiefreie, energielose Zerowaste-Färbung mit Küchenabfällen, an der nun weiter geforscht wird. Und damit schließt Humanity endlich den Kreis. Eine Mode ohne Ausbeutung. 
Ich wollte Erfinder sein, und bin es geworden. Ich wollte in meinem Bachelor mein eigenes Label gründen und hab es getan. Ich wollte den Ausweg aus der Ausbeutung in der Mode finden, und habe ihn nun. Es macht mir Spaß das Maximale rauszuholen und Wege zu gehen, die zuvor keiner gegangen ist. Ich muss total im Moment sein und mich hingeben, wenn ich mich in die Mikroben einer Ananasschale hineinversetzen will, um zu verstehen, was es braucht, das die Ananas auf den Stoff kommt. Ich muss alle Energie und Zeit aufbringen können, um das Konzept zu überdenken, Partner zu finden und zu wachsen. Ich muss ständig umdenken. Mit Zerowaste kann ich mich an nichts schon Vorhandenes klammern. Selten sitzt ein Schnitt auf Anhieb. Und ich habe die peinlichste Anprobe meines Lebens erlebt. Es beruhigt, dass mein Professor, der Carrie`s Hochzeitskleid in Sex and the City bei Vivienne Westwood entworfen hat, meine Papier-Miniatur auch als: »Das müsste klappen.«, beurteilt, wenn es dann in Lebensgröße einfach nur grusselt. Alles dauert länger. Alles erfordert mehr Energie.


Seit anderthalb Jahren etwa lebe ich vegan. Über den plastikfreien Einkauf wurde ich automatisch Veganer. Ich war energiegeladener, gesünder und nie krank. Ich liebe es Bio zu essen. Anfangs brauchte ich 80€ pro Woche für Lebensmittel. Mittlerweile sind es etwa 44€. Damit geht’s mir gut.


Und dann kam der März, der Lohn blieb aus und die Rechnungen blieben liegen. Und dann kam der April, der Lohn blieb aus, die Rechnungen blieben liegen und ich wurde zunehmend handlungsunfähiger. Und dann kam der Mai, der Lohn blieb aus, die Rechnungen türmten sich, das Wohngeld blieb aus und ich bekam einen Vollstreckungsbescheid von meine Ex-Krankenkasse. Dahin mein Spitzenscore bei der Schufa dachte ich nur, richtete meinen Fokus nur aufs Geld, rief um Hilfe und bezahlte alle Rechnungen binnen 14 Tagen. Ein riesiges Danke nochmal, an die, die mich aufgefangen haben, und an mich glauben.


Seit einem halben Jahr etwa geh ich Plasmaspenden. Woran erkennt man Gründer und Erfinder? An diesen kleinen Punkten am Arm. Kein Dope, wie der Tratsch der Angestellten vermuten lässt. Das könnten wir uns gar nicht leisten! Sondern Spenden. Oder Doping rückwärts. Das geht maximal einmal die Woche. Man kann dort essen und trinken, hat seinen Hämoglobinwert im Blick und bekommt je nach Menge eine Aufwandsentschädigung. In meinem Fall 15,50€. Anfangs noch unregelmäßig wurde es schnell essentiell für mich. Und ich werde richtig traurig, wenn ich mal nicht spenden gehen kann. Man kennt sich, wird umsorgt und wenn man mag auf seiner Liege auch zugedeckt, und geht anschließen essen. Alle futtern Bockwurst und Kartoffelsalat, Kuchen und Muffins, Wurst, Käse, Quark und Jogurt. Mir blieb das helle Billo-Brötchen, Marmelade und Becel und manchmal auch alte Discounter-Äpfel. Anfangs rechnete ich noch zurück. Die zwei Stunden lohnen sich nicht, besonders wenn Du mal wegklappst. Ich ließ das Brötchen auch mal liegen, denn ich bin ja glutenintolerant und weiß, dass mir das nicht gut tut. Im März ging ich dann regelmäßig und es wurde mein mal Kaffee-Trinken gehen. Im April wurde es das Mittagessen oder Abendessen, und ich konnte dem Kuchen nicht widerstehen. Im Mai wurde es essentiell. Ich aß daheim wieder Nudeln und machte selber für kleines Geld Pizza. Ich verzichtete auf Bio und merkte, das sich mein Nährstoffhaushalt rapide leerte. Verzweifelter, unkonzentrierter, unentspannter, müder. Ich trank Zerowaste-Cola aus Plastikflaschen, weil das viel billiger war, als Club Mate in der Glasflasche. Ich kaufte eine Tüte Nachos statt Körner-Brot zum Frühstück. Unterwegs ernährte ich mich von dem, was sich mir bot. Eine Packung Kekse in der Beratung, Kuchenhäppchen da, Brotverköstigung dort. Ich hatte wieder Plastikmüll. Meine Energie war im Keller. Mein Hämoglobinwert auch, und die Ärztin schenkte mir einen Haufen Eisentabletten. An dem Tag ging ich vor dem Plasmaspenden dort frühstücken und nach dem Spenden  Mittagessen. Und da ich zwei Tage kein Eiweiß mehr gegessen hatte, aß ich den Käse und den Quark. Ich vertrug es zu meiner Überraschung. Mein Körper lechzte. Ich zählte nun die Tage bis zum Monatsende, an dem all das Geld endlich eintreffen sollten und aß nun auch den dargebotenen Käse und belegte Brothäppchen mit Wurst im Supermarkt. Und ich kaufte in einer Heißhungerattacke Fischstäbchen. Mein Körper jubelte. Ich war eingeladen zu einer Geburtstagsfeier auf dem Lande: Vorsuppe, Warmes Büffet mit Wild oder Pute, Dessert, kaltes Büffet, Kuchen. Und ich aß alles!!! Mein Körper freute sich. Plötzlich schmeckte mir der Käse, das Fleisch und die Welfenspeise mit Ei. Und ich weiß nicht, was ich schrecklicher finde: Das es mir schmeckte? Das es passiert ist? Dass es billiger ist sich von Nachos, Käse und Nudeln zu ernähren statt vegan und gesund? Dass es einem Obdachlosen schier unmöglich ist, vegan zu sein? Das sich die Kulturbranche bei der Tafel trifft, während die Statistik sagt, den Deutschen ging es noch nie besser? Das es wieder diese Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt und offiziell keine Chance von unten nach oben zu kommen – egal was Du kannst und was Du weißt? Dass ich mit meinem Label und meinen nachhaltigen Produkten, die so sehr Zeitgeist sind, erstmal keine Chance auf einen Kredit habe, es aber mit IT, Autos, Copy & Paste und Made in China keine Probleme gäbe? Das mir die Wohlhabenden das als Lösung vorgeschlagen haben? Das der Klimawandel an diesem System bisher nichts ändert?? Das man in Deutschland als Angestellter ein Anrecht auf alles hat und als Selbstständiger aus dem System fällt? Und das ich jetzt ein Shitstorm unter den Veganern erwarten kann, weil ich es anscheinend noch nicht begriffen habe?


Ich habe es wirklich noch nicht begriffen, wie man mit 2 Euro am Tag in der Großstadt vollwertig vegan isst und freue mich über Eure konstruktiven Vorschläge. Derzeit lebe ich wieder vegan und ziehe meinen Nährstoffhaushalt mit Rohkost rapide nach oben. Wie, zeige ich Euch auf Instagram. Ich habe kein Verlangen nach Wurst und Käse, esse keinen Kuchen und kein Weißmehl, keinen Fisch und keine Kekse. Aber ich verstehe nun auch, wenn Veganer nach Jahren wegen einer Mangelerscheinung wieder Tierisches essen und das tierisch gut finden. Oder wenn Leute meinen, sie wären einfach nicht in der Lage auf Tierisches zu verzichten. Ich glaube, dass es Ihnen mit den richtigen Rezepten leicht gelingen kann, doch die liegen nicht auf der Straße. Und es gibt nun mal die Nomaden-Blutgruppe B, die Ackerbau-Blutgruppe A, die moderne Alleskönner-Blutgruppe AB, zu der ich gehöre und Jäger-Blutgruppe 0. Wer sich darüber belesen will, empfehle die Blutgruppendiät von Dr. med. D`Adamo.


Eine Dosis Biowissen dazu:

 

 

Das Tier, wenn auch noch so leidvoll und negativ fürs Karma, liefert auf einen Schlag alle Spurenelemente, die der Mensch brauch. Es erklärt das Glücksgefühl in dem Moment, wenn Fleisch plötzlich schmeckt. Es ist einfacher in der heutigen Zeit als Alles-Fresser zu überleben. Es ist aber auch unmoralisch, langfristig ungesund und nicht Zeitgeist. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch, die Welt zu retten. Und statt Billo-Wurst und Käsehäppchen Falafel und Oliven darzubieten. Das wäre für mich schon die Lösung gewesen.
Ich bin wütend, dass die einen erben und in den Tag hineinleben, und andere, wie ich, drei Jobs rings herum koordinieren müssen und dennoch kaum über die Runden kommen. Und ich bin wiederrum froh, dass ich arm geboren bin und weiß, wie man überlebt. Früher habe ich noch die Nächte durchgemacht und unter der Nähmaschine auf einer Matratze im Atelier Powernapping gemacht, wenn nichts mehr ging. Bis eines Tages nichts mehr ging. »So etwa ist das also in Bangladesch.«, dachte ich mir damals auf meiner Matratze mit Schlafsack und empfand es wie eine Offenbarung, wenn ich wieder ein Bett und eine richtige Dusche hatte. Heute arbeite ich zu Hause aus und habe Bett, Dusche und Küche immer in Reichweite. Das ist mir wichtig. Die Nächte durchmachen gelingt mir nicht mehr. Mein Körper überhört konsequent den Wecker. Aber ich kann mir eine Schlammdusche wie einen Wellnessurlaub denken, das Bett wie eine Hängematte, die Plasmaspende wie Kaffeetrinken gehen, die Bibliothek wie Kino und Mal-raus-gehen wie Urlaub. Ohne dieses Wissen, hätte ich letzten Monat die Segel streichen müssen. Und www.plastikfreiin100tagen.de wäre nicht wieder online gegangen. Es ist paradox. Man kämpft Jahre für den Moment, ab dem man endlich Gas geben kann. Und wenn der dann kommt, hat man erstmal keins mehr.


Ich spüre den Wendepunkt, an dem das Designen und Forschen immer leichter von der Hand geht. Die ersten Ergebnisse sind greifbar. Das Konzept steht. Die Segel sind gesetzt. Doch dann brach ein Wirbelsturm über mich herein: Ab jetzt zwei Meilensteine und mindestens ein Design pro Tag. Die ständige Budgetfrage lösen. Endlich den Stoff bestellen, den ich gestern schon bestellt haben sollte. Mails. Deadlines. Bloggen. Sponsoren? Thesis schreiben. Bücher lesen. Gibt es wissenschaftliche Hörbücher? Fotoshooting? Fotograph? Modenschau? Models? Anproben? Eimer für dem Kompost! Färbung ansetzen! Schnitte machen! Alle fertig! Kompost besorgen. … Und eigentlich logisch: erstmal ging nichts mehr. Irgendwie pardox: Da kämpft man jahrelang für den Moment, an dem man endlich Gas geben kann. Und dann hat man erstmal keins mehr.


Als Gründer ohne Rücklagen, muss ich unternehmerisch denken. Meilensteine festlegen, Zeit planen, komprimieren, kontrollieren, damit alles unter einen Hut passt. Ohne Budget Werte schaffen. Und am besten mit 2 Euro pro Tag auskommen. In der Forschung und im Kreieren muss ich jedoch im vollen Saft stehen. Denken wie ein Millionär. Und diese Fülle an Möglichkeiten in den Flow bringen 24/7. Sorglos sein. Probieren, verwerfen, schneiden und stecken, bis das Material unter meinen Händen zu etwas Lohnendem heranreift. Ich darf nicht zweifeln, auch wenn der Unternehmer in mir gerade verzweifelt. Ich muss alles wagen und mich ganz hingeben, soll am Ende etwas neues entstehen und keine Kopie. Unterm Strich sollte alles dann aber lieber nichts kosten. Und vor allem keine Zeit.


Ein bisschen ist es in der Mode wie im Film. Backstage wirtschaftet man unter dem Existenzminimum. Öffentlich bewegt man sich auf roten Teppichen, holt sich die Lorbeeren ab, bekommt gleich zwei Rosen, wird beklatscht wegen dem Zeitgeist und flaniert in besten Kleidern, zu denen man natürlich eine ganz andere Beziehung hat. Gefährlich wird es nur, wenn man dann am Rande des Teppich etwas blitzen sieht und einem ein »Oh, eine Pfandflasche!« durch den Kopf saust, biss man es begriffen hat. Aber gut, diesen peinlichen Moment des Entzückens gefolgt von Entsetzen und Scham werden die Angestellten mit 08/15 nie erkennen können. Einmal habe ich es laut gesagt. Aber das wird mir nun auch nicht mehr passieren.


Kleider machen Leute. Das stimmt. Stil kann man allerdings nicht kaufen. Ich wunder mich über konsequent schlecht angezogene Reiche. Und die Verwirrung der kleinen Leute wenn Couture auf Pfandflasche trifft. Wer sind wir denn, wenn wir Persönlichkeit und das Besondere von der Stange kaufen wollen? Ist das das Hamburger Understatement? Dass wir uns von Zahlen dirigieren lassen. Leben!


Chapeau! Auf das zweite, verflixte Jahr;) 


Ab jetzt ist es nur noch eine Zeitfrage.

 

09/06/2018